Deutschland will im globalen Wettlauf um die künstliche Intelligenz (KI) eine Spitzenposition einnehmen. Bis 2030 sollen die Kapazitäten für KI-Rechenzentren hierzulande um mindestens das Vierfache anwachsen. Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) sprach von einem dringenden Aufholbedarf im internationalen Vergleich. Während die USA derzeit mit rund 60 Gigawatt Leistung bei Rechenzentren punkten, liegt Deutschland aktuell bei knapp drei Gigawatt, wovon nur etwa 500 Megawatt für KI-Anwendungen vorgesehen sind. Die ambitionierten Pläne sehen eine Steigerung auf mindestens sechs Gigawatt Gesamtkapazität vor, mit einem dedizierten Anteil von zwei Gigawatt für KI.
Neue Rechenzentren auf alten Fundamenten
Um dieses Ziel zu erreichen, setzt die Bundesregierung auf eine Beschleunigung bei der Ansiedlung neuer Rechenzentren. Ein zentraler Ansatzpunkt ist die gezielte Nutzung von sogenannten “Brownfield”-Flächen. Hierbei handelt es sich oft um ehemalige Industriegebiete oder stillgelegte Kraftwerksstandorte, die bereits über notwendige Stromanschlüsse verfügen. Beispiele wie das Rheinische Revier oder Lübbenau im Spreewald zeigen, dass hier Potenzial für die nötige Infrastruktur steckt. Um die Akzeptanz in den betroffenen Gemeinden zu erhöhen, plant die Regierung eine Neuregelung bei der Gewerbesteuer: Sie soll künftig direkt am Standort des Rechenzentrums anfallen, anstatt am Hauptsitz des Unternehmens. Dies könnte Kommunen wie Lübbenau zugutekommen, wo die Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland) ein großes Rechenzentrum plant.
Nachhaltigkeit und europäische Souveränität im Fokus
Doch der Ausbau der Rechenleistung ist nicht ohne Herausforderungen. Der Zugang zum Stromnetz ist ein kritischer Punkt, insbesondere im Wettbewerb mit geplanten Batteriespeicherprojekten. Die neue Strategie sieht vor, Netzanschlüsse nach dem tatsächlichen Reifegrad der Projekte zu vergeben. Gleichzeitig wird großer Wert auf Nachhaltigkeit gelegt: Die Rechenzentren sollen zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Zudem soll die Abwärme der Server künftig stärker für kommunale Wärmenetze genutzt werden, wofür sich die Bundesregierung auf EU-Ebene für steuerfreie Abgabe von Abwärme einsetzen will. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Reduzierung der Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern wie Amazon, Google und Microsoft. Die neuen Kapazitäten sollen bevorzugt von deutschen und europäischen Unternehmen aufgebaut werden. Als Leuchtturmprojekt ist der Aufbau mindestens einer kommerziellen “KI-Gigafabrik” in Deutschland geplant, die in einem öffentlich-privaten Konsortium und unter europäischer Führung entstehen soll. Diese Fabriken sollen mit europäischer Technologie und Chips von europäischen Designern bestückt werden und insgesamt fünf solche Anlagen in der EU entstehen.
Die Weichen für eine leistungsfähigere KI-Infrastruktur in Deutschland sind gestellt. Ob und wie schnell die ambitionierten Ziele erreicht werden und welche konkreten Auswirkungen dies auf den Technologie- und Wirtschaftsstandort Deutschland haben wird, bleibt mit Spannung zu beobachten. Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, ob Deutschland seine Position im globalen KI-Rennen behaupten kann.
📰 Source: Spiegel Tech