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Der Taktiker im Kanzleramt: Wie Alexander Dobrindt die Koalition am Laufen hält – und warum selbst die SPD ihn schätzt

hooulra
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Wenn die Verhandlungen ins Stocken geraten und die Fronten verhärtet sind, greift Alexander Dobrindt zu einem Mittel, das unter seinen politischen Gegnern gleichermaßen gefürchtet und geschätzt wird: Er schlägt ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen vor, gerne auch bei einem gemeinsamen Essen. Was zunächst harmlos klingt, entfaltet oft eine erstaunliche Wirkung. Nach solchen Begegnungen, so berichtet es ein SPD-Innenpolitiker, der das Phänomen schon mehrfach beobachtet hat, ist man mitunter ein “Dobrindt-Fan” – eine Mischung aus Anerkennung und leichtem Schaudern.

Der stille Architekt des Kompromisses

Das Ergebnis solcher Gespräche ist oft dasselbe: Der Knoten in den Verhandlungen ist gelöst, und die Genossen geben nach. Dies erklärt, warum bei für die SPD oft schmerzhaften Gesetzesvorhaben und Abstimmungen – wie der Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte oder der Reform des europäischen Asylsystems – der Widerstand geringer ausfiel als erwartet. Für die Union sind dies Kernanliegen, bei denen Dobrindt als Garant für die Umsetzung gilt. Paradoxerweise verkörpert der CSU-Politiker damit nahezu alles, wogegen die politische Linke inhaltlich steht: Grenzkontrollen, Zurückweisungen, Asylverfahren in Drittstaaten. Dennoch sind selbst in der SPD Stimmen zu hören, die dankbar sind, dass es ihn gibt.

Mehr als nur Innenminister: Der Krisenmanager

Dobrindts Bedeutung reicht weit über sein Amt als Innenminister hinaus. Er ist der Mann für die schwierigen Fälle, der stille Architekt, ohne den die schwarz-rote Koalition wohl nie zustande gekommen wäre. Als die Verhandlungen über Sondervermögen mit den Grünen festgefahren waren, war es Dobrindt, der den Dialog aufrechterhielt und schließlich in einem vertraulichen Gespräch mit Lars Klingbeil die Koalitionsverhandlungen rettete. Er war es auch, der die Handynummer eines Linken-Politikers besaß, um einen zweiten Wahlgang für Friedrich Merz zu ermöglichen. Als Innenminister agiert er nun als entscheidendes Scharnier dieser Koalition, eine Rolle, die ihm sichtlich gefällt. “Ich habe großes Interesse am Erfolg. Und ich bin ein Anhänger der Koalition aus Union und SPD”, bekräftigt er im Gespräch mit der F.A.Z. Er scheut keine Konfrontation, spricht mit jedem, sei es mit Vertretern der Taliban oder der Linkspartei, wenn es der Sache dient.

Dobrindts Fähigkeit, parteiübergreifend geschätzt zu werden, rührt nicht von Superkräften, sondern von purer politischer Professionalität. Seit über zwei Jahrzehnten im Bundestag, früher als Verkehrsminister und CSU-Landesgruppenchef, hat er Höhen und Tiefen erlebt. Dennoch schätzen sie ihn heute quer durch die politischen Lager. In der SPD-Fraktion wird er gar als der einzige echte “Profi” in der Unionsregierung bezeichnet. Sein Erfolgsgeheimnis? “Ich mache Politik nach dem Motto: Das, was man tut, sollte man auch gut finden”, erklärt er. Dieser Leitsatz erlaubt ihm, sowohl eine klare Linie zu verfolgen als auch flexibel auf die Realität zu reagieren. So kann er die Waffenlieferungspolitik des Kanzlers kritisieren und gleichzeitig die SPD-Forderung nach einer früheren Arbeitserlaubnis für Asylbewerber übernehmen. Solche Widersprüche verzeiht man ihm, ebenso wie seine unideologische Herangehensweise an komplexe Themen wie die AfD. Er verachtet die Partei, ist aber gegen ein Verbotsverfahren – eine differenzierte Haltung, die ihm von der SPD anerkannt wird. Anstatt seine Gegenüber als uneinsichtig abzutun, versetzt er sich in ihre Lage, um Wege zu finden, die für beide Seiten tragbar sind. Als Soziologe bringt Dobrindt möglicherweise eine Perspektive auf das menschliche Zusammenleben mit, die in seinem Amt als Innenminister von unschätzbarem Wert ist.


📰 Source: FAZ