Die Nachrichten aus der Krisenregion im Nahen Osten drehen sich dieser Tage fast ausschließlich um Öl- und Gaspreise. Doch die Auswirkungen des Krieges reichen weit darüber hinaus, und das spüren die Manager in den Beschaffungsabteilungen weltweit mit wachsender Sorge. Denn die aktuellen Konflikte sind dabei, essenzielle Verbindungen in den globalen Rohstoff- und Lieferketten nicht nur zu schwächen, sondern sie drohen, komplett zu reißen. Wenn diese Verbindungen abreißen, stehen bald Tausende von Fabriken still.
Mehr als nur Öl und Gas: Branchen am Tropf
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) sind durch die Kampfhandlungen im Nahen Osten bereits rund 40 wichtige Energieanlagen schwer getroffen worden. Die Schäden gehen dabei in die Milliarden, doch das weitaus Gravierendere sind die langfristigen Störungen, die noch lange nach einem möglichen Ende des Konflikts anhalten dürften. IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol spricht von massiven Störungen der vom Nahen Osten ausgehenden Versorgungsketten, die bereits jetzt die Preisentwicklung für Öl, Gas und Kraftstoffe rasant in die Höhe treiben. Die Auswirkungen ähneln bereits denen der großen Ölkrisen der Siebzigerjahre und der Erdgaskrise nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine. Aber es trifft nicht nur die offensichtlichen Energieträger: Petrochemikalien, Düngemittel, Schwefel und sogar Helium sind betroffen. Ihr Handel ist massiv beeinträchtigt, was gravierende Konsequenzen für die Weltwirtschaft bedeutet.
Helium: Ein Edelgas unter Druck
Besonders brisant ist die Lage bei Helium. Das Edelgas, nach Wasserstoff das zweithäufigste Element im Universum, ist aufgrund seiner einzigartigen Eigenschaften für viele Hochtechnologiebereiche – von der Luft- und Raumfahrt über die Chip- und Solarindustrie bis hin zur Medizintechnik – unverzichtbar. Es kann nicht künstlich hergestellt werden und wird fast ausschließlich als Nebenprodukt bei der Erdgasförderung gewonnen. Transport und Lagerung sind extrem kompliziert, die Lieferketten entsprechend fragil. Bislang dominieren langfristige Partnerschaften und feste Lieferverträge den rund fünf Milliarden Dollar schweren Weltmarkt für Helium. Doch nun geraten die Produktionsstätten unter Beschuss. Qatar, der zweitgrößte Heliumlieferant der Welt, verzeichnete massive Ausfälle an seinen Anlagen in Ras Laffan, die unter iranischem Beschuss standen. Dies hat dazu geführt, dass der Spotmarkt in den Fokus rückt. Während die Preise für Brom und Schwefel bereits kräftig gestiegen sind, verteuerte sich Helium um rund zwei Drittel. Marktbeobachter von Fitch halten eine weitere Verdopplung der Preise für möglich, denn ein schnelles Ende des Konflikts ist nicht in Sicht. Mehr noch: Qatars Energieministerium hat erklärt, dass eine rasche Reparatur der beschädigten Förder- und Produktionsanlagen derzeit nicht möglich ist. Die drei Heliumanlagen in Ras Laffan allein decken ein Drittel des weltweiten Bedarfs. Aktuell sind alle Ausbaupläne auf Eis gelegt.
Die Auswirkungen dieser Spannungen werden sich unweigerlich auf die Produktionskosten weltweit niederschlagen und könnten zu Engpässen in Sektoren führen, die wir bisher als selbstverständlich hingenommen haben. Die Suche nach alternativen Quellen und die Sicherung dieser lebenswichtigen Rohstoffe wird in den kommenden Monaten und Jahren eine noch größere Priorität erhalten müssen.
📰 Source: FAZ