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Xi’s Radikalkur im Militär: Putzt China sich für die Zukunft – oder bremst es sich selbst aus?

hooulra
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China baut seine militärische Macht im Eiltempo aus, investiert in fortschrittliche Waffensysteme und bildet hochqualifiziertes Personal aus. Doch hinter den Kulissen des stetig wachsenden Rüstungsapparates tut sich gerade eine Menge. In den letzten Wochen sind erneut führende Köpfe aus Chinas militärisch-industriellem Komplex verschwunden. US-Geheimdienste bringen diese personellen Umwälzungen nun in direkten Zusammenhang mit der Frage, ob Peking tatsächlich plant, Taiwan militärisch zu erobern.

Führungspersonal auf dem Prüfstand

Die jüngsten Abgänge im chinesischen Militär sind mehr als nur ein harmloser Austausch. Betroffen sind Schlüsselpersonal, die maßgeblich an der Entwicklung von Schlüsseltechnologien beteiligt waren. So verschwand jüngst der Chefentwickler des ersten chinesischen Tarnkappenjägers, der J-20, von der Bildfläche. Ebenso wurde der Kommandeur eines wichtigen Atomtestgeländes abberufen. Diese Personalentscheidungen betreffen hochrangige Wissenschaftler und Führungskräfte, die tief in die militärische Forschung und Entwicklung eingebunden waren. Die Chinesische Akademie der Ingenieurswissenschaften, ein zentrales Organ für Rüstungsforschung, hat mehrere einflussreiche Persönlichkeiten von ihrer Website entfernt. Darunter auch General Liu Guozhi, der zeitweise das Atomtestgelände Lop Nur in Xinjiang leitete und bis vor kurzem die Wissenschafts- und Technologiekommission in der Zentralen Militärkommission innehatte – dem obersten Führungsgremium der Volksbefreiungsarmee unter der Kommunistischen Partei.

Strategische Neuordnung mit Folgen?

Staatschef Xi Jinping hat seit 2022 eine bemerkenswerte Anzahl von über 100 hochrangigen Militärs und Dutzenden weiterer Industrie-Funktionäre absetzen lassen. Offizielle Begründungen sprechen oft von Korruption oder mangelnder Loyalität gegenüber der politischen Führung. Experten sehen darin jedoch eine tiefgreifende Säuberung, die kurzfristig zu Störungen im Ausbau der Volksbefreiungsarmee führen könnte. US-Geheimdienste deuten diese Entwicklungen nun als Indikator dafür, dass Peking derzeit keine feste Invasion Taiwans für 2027 plant. Zwar mache Chinas Armee Fortschritte bei den Fähigkeiten, um eine solche Operation durchzuführen oder eine militärische Intervention der USA abzuwehren, doch ein konkreter Zeitplan fehle. Vielmehr ziehe China eine friedliche “Wiedervereinigung” einem Krieg vor. Dennoch beobachten die Dienste eine Erhöhung von Manövern rund um Taiwan, was auf den Versuch hindeutet, Spannungen zu kontrollieren und gleichzeitig Zeit zu gewinnen, um die eigene Position zu stärken. Peking setzt weiter auf den Ausbau konventioneller und strategischer militärischer Fähigkeiten und auf technologischen Fortschritt, um mit den USA wirtschaftlich zu konkurrieren.

Während diese Säuberungen den Militärapparat zweifellos ins Wanken bringen und unmittelbare Invasionspläne für Taiwan unwahrscheinlicher erscheinen lassen, ist eine nachhaltige Schwächung der chinesischen Fähigkeiten keineswegs ausgemacht. Einige Spezialisten argumentieren, dass diese Umwälzungen Xi Jinping gerade erst mehr Handlungsspielraum verschaffen könnten, um Truppen in den Einsatz zu schicken. Für die amerikanische Abschreckung bedeutet dies eine neue Herausforderung: Sie muss sich zunehmend darauf konzentrieren, Xi persönlich zu beeinflussen, anstatt sich auf institutionelle Stimmen im chinesischen Militär zu verlassen. Die Frage bleibt, ob diese Radikalkur China langfristig stärkt oder ob sie, zumindest vorerst, Taiwan und den umliegenden Regionen etwas mehr Atempause verschafft.


📰 Source: FAZ